Warum es so wichtig ist, Menschen in Zeiten der Pandemie geistige Nahrung zu geben, erklärt mir Elke Wurster im Interview. Die Rechtsanwältin schildert, warum sie in der Krise menschlicher und persönlicher kommuniziert. Nachahmenswert!

Kanzleien halten ihren Betrieb mit Home-Office am Laufen. Wer auf Distanz arbeitet, vermisst Normalität und den Plausch mit anderen. In Corona-Zeiten ist es deshalb essenziell, bewusst den Fokus auf Positives zu lenken, ist Elke Wurster überzeugt. Die Rechtsanwältin aus München berichtet im Interview mit mir, warum sie in dieser Krise Mut gefasst hat, online und offline anders zu kommunizieren; nämlich menschlicher und persönlicher. Und sie verrät, warum sie auch künftig nicht damit aufhören will.


Welche Bedeutung haben Social Media für Sie?

2008 habe ich auf Xing einen Job gefunden. Ich war Anwältin in Paris und wollte zurück nach Deutschland. Seit 2015 bin ich auch auf Linkedin aktiv, um meine internationalen Kontakte zu pflegen. Ich kommuniziere Rechtliches, etwa neue Entscheidungen im Kartell- und Insolvenzrecht. Auch schreibe ich über Compliance-Skandale oder lasse mich über das Antikorruptionsgesetz in Frankreich aus. Und ich bringe Wissenswertes aus einem Frauennetzwerk ein, dessen Ziel es ist, Frauen im Beruf sichtbarer zu machen. Die Online-Medien nutze ich gezielt beruflich. Ich schaue direkt morgens, nach der Mittags-pause und vor Feierabend ins Netz, um zu erfahren: Was bewegt die Community? Welche Entwicklungen gibt es?

Neuerdings schreiben Sie über Zwischenmenschliches, Nachdenkliches und Ermutigendes. Und Sie posten farbenfrohe Fotos. Was inspiriert und motiviert Sie?

Ich glaube daran, dass es in jeder Krise auch Positives gibt. 

Der Mensch braucht geistige Nahrung, besonders in der Not. 

Mich inspirieren Radiobeiträge und all das, was ich im Alltag beobachte. Ich frage mich oft: Was brauchen andere und was brauche ich jetzt? So entstehen Linkedin-Postings wie: ein hoffnungsfrohes Hölderlingedicht zum Frühling. Ein Foto der Jahresringe eines gefällten Baumes aus dem Wald und die Frage: „Wie sieht wohl unser Jahresring 2020 aus?" Oder Gedanken an Dietrich Bonhoeffer zu Ostern. Ein großes Echo hat das Foto meiner magentafarbenen Wohnzimmerwand ausgelöst. Mein Posting dazu: „#homeofficecorona. Dank Webcam erleben wir die anderen in ihrem persönlichen Umfeld. Meetings, die sonst immer sehr nüchtern beginnen, werden jetzt mit einem netten Kommentar über den Hintergrund eingeleitet. Macht dies un-eren Kontakt nicht doch etwas persönlicher?"

Sie stoßen also Dialog an, der vor Corona so nicht stattgefunden hat?

Ja, in gewisser Weise schon. Einige meiner Kontakte reagieren direkt. Und Kolleginnen und Kollegen sprechen mich darauf an. Ich erlebe, dass wir uns nahbarer und menschlicher begegnen. Und das tut gut. Auch bei Videokonferenzen starten wir informell: Eine Kollegin gibt stolz bekannt, dass sie ihr monatliches Laufziel schon viel früher erreicht hat, weil sie nicht mehr pendelt. Oder andere erzählen, wie sie zuhause die besten Arbeitsplätze aushandeln und geben zum Besten, wie sie dafür sorgen, dass keiner durchs Bild läuft. Wir thematisieren auch, wie wir im Home-Office klarkommen oder wo es einen leckeren Lunch-Lieferservice gibt. 

Dialog ist Führung - auf Distanz umso mehr. 

Deshalb habe ich einen telefonischen Jour-fixe im Team initiiert. So weiß jeder: Was steht an? Wer braucht was? Welche Unterteams organisieren sich anschließend in Eigenregie?

Hat sich auch die Kommunikation mit Mandanten verändert und wenn ja, wie?

Die Menschen trauen sich eher, im positiven Sinne persönlicher zu werden. Die Frage „Wie geht es Ihnen?" stellen wir einander sehr viel bewusster. Man ist ehrlich interessiert zu erfahren: „Wie schaffen Sie es, Home-Office und Freizeit in Einklang zu bringen?" oder „Wie organisieren Sie Ihre Familie jetzt?" Die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem verschwimmen leichter und das bewegt uns alle. Und wenn eine Gesprächspartnerin beim Videocall in Tränen ausbricht, weil ihr alles zu viel wird: Dann ist das auch in Ordnung. Denn Social Distancing meint auch, einander zu helfen und wirklich erreichbar zu sein. 

So wird die Beratung in diesen Zeiten noch mehr geschätzt, weil sie auch menschlich wertvoller wird. 

Dass all das Erlebte mitschwingt, wenn ich online kommuniziere, ist für mich richtig und wichtig.

Was lernen Sie in dieser Zeit über gute Kommunikation im Netz? Was empfehlen Sie anderen?

Es geht darum, authentisch zu sein. Und es geht darum, sich zu trauen; sich persönlich zu zeigen. Ich habe jetzt dank Corona gelernt, mit meinen Postings Blickrichtungen zu ändern: vom Fachlichen zum Menschlichen. Mein Arbeitspensum ist nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil. Das bestärkt mich umso mehr, einen gehaltvollen Kontrapunkt zu setzen, jenseits des Jobs und der oft einseitigen Medienberichterstattung. Ich werde so weitermachen – auch nach Corona. Mein Fazit: Soziale Medien helfen, sich zu informieren. Sie unterstützen dabei, sich als Beraterpersönlichkeit kompetent zu positionieren. Das Miteinander im Netz offenbart, was andere umtreibt. Und Online-Plattformen laden uns ein, uns mitzuteilen und anderen zu begegnen. Wichtig dabei ist es, kurz, knapp und verständlich zu kommunizieren; und den Berufshabitus beiseite zu legen und die eigene Handschrift zu hinterlassen. Dann berühren Texte, Bilder und Videobotschaften. Klar ist: 

Menschen folgen Persönlichkeiten, nicht Kanzleiprofilen

Jedem steht es frei, sich zu öffnen und sinnstiftend einzubringen. Es kostet wenig Zeit und etwas Mut. Wer diesen Schritt geht, erntet Freude und zeigt sich als Botschafter einer attraktiven Kanzleiwelt, die Nähe und Distanz neu denkt.

 

Elke Wurster ist Partnerin bei der Maiwald Patentanwalts- und Rechtsanwalts GmbH in München. Die Rechtsanwältin gilt als international versierte Expertin für Compliance, Kartellrecht, Antikorruption und Insolvenzrecht.

 

Das Interview "#socialmediaundcorona: Wenn Menschliches viral geht" habe ich für die Neue Juristsche Wochenschrift, Beck-Verlag geführt. Es ist erschienen in der NJW 20/20.

 

Wie hat sich Corona auf Ihre Online-Kommunikation ausgewirkt? 

 

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Ihre und Eure

Susanne Kleiner

 

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